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Charlottengrad, Berlin von Qype User _frauh…

  • 5.0 Sterne
    17.12.2008
    Erster Beitrag

    Der Begriff stammt schon aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach der Revolution in Russland strömten Dissidenten und Auswanderer nach Berlin. Hier war das Leben günstig und vom Schmuck und Bildern aus der Heimat konnte eine Familie lange Zeit gut leben. Man musste noch nicht einmal deutsch lernen, da es hier so viele Russen gab. Und mit ihnen gab es auch russische Restaurants, Theater, Zeitungen und Kulturveranstaltungen. Auch ein paar prominente Russen hat es damals nach Berlin verschlagen, so zum Beispiel Nabokov (der mit dem wunderbaren Roman Lolita). 1933 war der Spaß dann aber vorbei und man musste weiterziehen.

    Spätestens seit Beginn der 90er Jahre hat sich das russische Berlin wieder belebt und man kann mit gutem Gewissen erneut von Charlottengrad sprechen. Man muss nur einmal einen Bummel durch die vielen Boutiquen am Kudamm machen und dort darauf achten, welche Sprache zwischen den Kunden und den oft ebenfalls russischen Verkäuferinnen eigentlich gesprochen wird. Nicht alle Russen auf dem Kudamm wohnen auch in Berlin. Aber viele haben ein Standbein hier. Sei es eine Wohnung, seien es Verwandte in der Stadt. Man fühlt sich jedenfalls wieder zuhause, hier in Charlottenburg.

    Man sollte das russische Berlin dabei keinesfalls über die hübschen, reichen, jungen Frauen mit den kleinen, dicken, noch reicheren Männern definieren. In Wirklichkeit gibt es viele verschiedene Gruppen von Einwanderern. Viele Künstler und Studenten zieht es nicht nach Charlottenburg sondern in die Szenebezirke im östlichen Teil der Stadt. Aber selbst hier in Charlottenburg und den Nachbarbezirken kann man gut drei verschiedene Generationen von Einwanderern unterscheiden.

    Die ersten kamen bereits vor der Wende in den späten 70er und 80er Jahren. Es sind meistens jüdische Russen, denn diese erhielten immer wieder Ausreisegenehmigungen nach Israel. Die wenigsten wollten aber wirklich dorthin, statt religiösen Gründen dominierte eher die Angst vor dem Wehrdienst der Kinder oder auch mal der Wunsch, im Westen Karriere zu machen. Oft sind die Familien dann in Berlin gestrandet, sind dann nicht reich geworden, haben aber im Gegensatz zu einheimischen Akademikern das Geld gut zusammen gehalten. Sie sorgen noch heute dafür, dass die Mehrzahl der Russen hier bürgerlich ist.

    Mittlerweile ist auch die erste Generation der Kinder dieser Einwanderer erwachsen geworden. Sie fällt selten auf. Wenn, dann durch den fließenden Wechsel von der deutschen in die russische Muttersprache. Die Cleveren unter ihnen nutzen die Vorteile, in zwei Kulturen groß geworden zu sein. So sorgen sie für ein bisschen Farbe in der Stadt und geben dabei manchmal auch etwas zu viel vom hartverdienten Geld ihrer Eltern aus.

    In den 90er Jahren kamen dann die korrupten Jelzin-Gewinner. Das sind die lauten Russen, die gelegentlich nicht nur in Berlin, sondern auch an der Cote d'Azur und in St. Moritz nerven. Sie haben ein paar der schönsten Wohnungen der Stadt und noch ein paar Villen im Grunewald gekauft. Je nach politischer Lage sind davon mal ein paar mehr in Berlin, mal ein paar weniger. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass diese Gruppe unter Putin deutlich kleiner geworden ist. Man will das Geld jetzt doch eher in der Heimat belassen. Und so wirkt Charlottengrad heute auch etwas ruhiger als noch vor drei bis fünf Jahren.

    Die neuste Gruppe erinnert wieder etwas mehr an die 20er Jahre. Die ersten Dissidenten treffen wieder in Berlin ein. Journalisten, die in der Heimat keinen Job mehr finden. Künstler, deren Werke etwas zu frech waren. Und andere, die Putins wachsende Macht einfach nur nicht ausstehen können. Selten bringen diese Menschen wirklich Geld mit. Aber für eine Großstadt ist Berlin immer noch günstig, und diese Gruppe lebt gerne in einer großen Stadt. Vor allem, wenn die Sprache hier nicht völlig verloren geht.

    Es ist eine bunte Welt, dieses Charlottengrad. Ich muss endlich mal russisch lernen.

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