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    • Qype User Eich…
    • Berlin
    • 159 Freunde
    • 171 Beiträge
    5.0 Sterne
    5.9.2008

    Es gab eine Zeit, da gestattete die Kirche nicht, dass Selbstmörder eine würdevolle Bestattung auf einem Friedhof erhalten durften.
    Manche verlorene Gestalt hatte sich in der Havel oder im Grunewald das Leben genommen. Die Forstverwaltung musste sich um diese Funde kümmern.
    So entstand und wuchs im Laufe der Zeit eine Begräbnisstätte, die Einheimische unter der Bezeichnung Der Selbstmörderfriedhof im Grunewald kennen.

    Die offizielle Adresse ist irreführend, da diese auf eine Forstparzelle verweist. Mit dieser Information landet man in Zehlendorf, oder, wie Google-Maps, an der Avus. Man muss sich aber an der Havelchaussee auf Höhe Schildhorn in den Wald hinein orientieren, sonst wird man nicht fündig.

    Es ist teilweise sehr ergreifend, welche Geschichten, Tragödien, Dramen auf diesem unscheinbaren Ort erzählt werden: Inschriften auf den Gräbern, Überlieferungen, das gleiche Todesdatum bei Liebespaaren, deren Liebe nicht sein durfte.
    Hier liegst Du nun, in tiefer Waldes Stille. Was auch geschah, es war Dein eigner Wille

    Später, als der Friedhof offiziell Anerkannt war, wurden hier auch die Förster bestattet. Als treuer Diener der Hohenzollern geehrt, mit Hirschgeweih auf dem Grab, oder, meiner Lieblingsinschrift: Jagd vorbei!

    Glücklicherweise hat man diesen magischen Ort meist als einsamer Besucher für sich. Ab und an werden Führungen angeboten, aber in Gesellschaft geht hier der Zauber verloren.
    Sind einmal mehr Leute unterwegs, dann pilgern sie in der Regel zum Grab von Christa Päffgen. Nie gehört?
    Gut, sie ist besser bekannt als Nico, Sängerin von Velvet Underground, Muse von Andy Warhol. Nach ihrer Beerdigung 1988 mussten die Förster mehrer Tage lang die Trauernden im Wald einsammeln, die, nicht mehr ganz nüchtern, dort umherlagen.

    Ungewöhnlich sind einige hölzerne russische Grabmale aus dem Umfeld der Oktoberrevolution.
    Mit einem Ehrenstein versehen ist das Grab von Willi Wohlberedt, dem leidenschaftlichen Chronisten der Berliner Friedhofslandschaften, dessen Werk noch immer nicht neu aufgelegt wird.
    Er hat sich diesen Ort als Ruhestätte gewählt.
    Er wusste was er tat.

    • Qype User Frider…
    • Berlin
    • 1 Freund
    • 5 Beiträge
    4.0 Sterne
    14.7.2010

    Seit 1964 liegt mein Vater Helmut Wähmann dort, ich war damals 12 Jahre alt und habe nicht verstanden, dass ich von diesem Tag an mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder zu Fuss etliche Kilometer zurück legen muss, um an seiner letzten Ruhestätte Blumen ablegen zu können.
    Inzwischen bin ich 58 Jahre alt, seit 2007 liegt auch meine Mutter in unserer Familienstelle.
    Ein Stück weiter haben wir zwei Urnen beigesetzt, meine Großmutter mütterlicherseits und die Zwillingsschwester meiner Mutter sind dort 1970 und 2001 beigesetzt.
    Mit großer Sorge schauen meine Tochter und ich auf diesen Friedhof. Neben den von anderen schon so schön beschriebenen Vorzügen der Idylle, der Ruhe und der angenehm empfundenen Zurückgezogenheit, gibt es leider Menschen die in ihrer Sozialisation den Begriff der Pietät, der Störung der Totenruhe nicht gelernt und internalisiert haben. Diese selbst scheuen sich nicht, Pflanzen von Gräbern zu stehlen, ein abscheulicher Umstand!
    Nach Aussagen der Friedhofsverwaltung wird der Friedhof 2050 eingeebnet und ich weiß noch nicht, wie ich die Zukunft der Gräber nun gestalte.
    So lange es mir möglich ist, werde ich im Sommer wie im Winter dort meine Zeit der Andacht und der Grabpflege verbringen.
    Gott schütze auch dieses Fleckchen Erde mitten im Grunewald!

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