Qype Logo Bei Yelp registrieren

Qype hat sich Yelp angeschlossen um dir noch mehr Beiträge, Community und Geschäfte zu bieten. Weitere Infos.

Bearbeiten
  • 4.0 Sterne
    30.8.2009
    Erster Beitrag

    FÜNFZIG PLUS X  MINUS EINS!

    Ich hab grad ein ganzes Lebensjahr gewonnen. Irre, oder? Es ist nämlich so, ich hab nächste Woche Geburtstag, was nun im Prinzip ja nichts besonderes und kaum zu erwähnen ist, da ein jeder Mensch halt irgendwann im Jahresverlauf unvermeidbar mal Geburtstag hat. Und ich bin halt, haha, Jungfrau. Geburtstag ist im Grunde wie Herbstgrippe, du kannst versuchen, zu fliehen, aber es erwischt dich trotzdem irgendwann. Ab 50 nimmt die Begeisterung über dieses Jubiläum eh ab.

    Ich habe aber fast ein ganzes Jahr gedacht, ich würde nächste Woche 50 + X, und nun hab ich noch mal genau nachgerechnet, meine Finger und die meiner Kinder und Enkelkinder zur Hilfe genommen und festgestellt: Nein! Stimmt gar nicht! Ich werde ja erst 50 + X  minus EINS!! Plötzlich bin ich ein ganzes Jahr jünger geworden! Knisternd und knackend strecken sich die Knochen, die Gesichtshaut strafft sich, die silbrigen Fäden an den Schläfen werden weniger, selbst der embonpointhaft sich wölbende Bauch zieht sich zurück  schon denk ich drüber nach, mir ein Skateboard zu kaufen! Jetzt wundert mich nicht mehr, daß seit einiger Zeit meine Lieblingsmucke von den Punkrockern Arctic Monkeys und Billy Talent, von Maximo Park, Jan Delay oder Peter Fox kommt anstatt von Roberto Blanco oder den Wildecker Herzbuben! Ich bin ja viel jünger, als ich geglaubt hätte!

    Ehe ich darüber in rauschafte Euphorie abheben konnte, mußte ich mir aber leider sagen, daß ich ja trotzdem skandalös alt bin! Dafür schäm ich mich ein bißchen. Ich meine, W. A. Mozart, Georg Büchner, Arthur Rimbaud, Georg Heym, Georg Trakl, James Dean, Jimi Hendrix, Jim Morrisson, Janis Joplin und noch viele andere: gestorben, bevor sie dreissig wurden,  und dennoch unsterblich! Und ich? Steinalt, aber von Unsterblichkeit weiter entfernt denn je. Hm. Ich hänge in meinem Leben so 'rum und leiste nichts. Ich werde daher nicht auf dem Père Lachaise begraben und wahrscheinlich nicht mal auf dem Wiener Zentralfriedhof, an meinem Grab wird niemand einen Joint rollen oder eine Flasche Lambrusco aufmachen. Glücklicherweise ist mir das ziemlich gleichgültig. Beerdigungen gehören nicht zu den Events, die ich gerne besuche; meine eigene würde ich am liebsten ganz schwänzen.

    Es gibt aber Mitbürger, die es tröstlich finden, an ein Fortleben nach dem Tode zu glauben. Sie glauben, ihr Schöpfer sei so fasziniert von ihnen, daß er sie später alle versammeln und um sich haben möchte. Na ja. Ich bin Gott, schätz ich mal, nicht besonders ans Herz gewachsen, habe mir aber auch keinen heiligen Zorn zugezogen, der mir Haftjahre in der Hölle einträgt. Kurzum, was mit dem geschieht, was man dereinst pietätvoll meine sterbliche Hülle nennen wird, ist mir egal, solange ich nicht scheibenweise in so einer Ausstellung von diesem einen Menschenausstopfer vorgeführt werde. Das wär mir peinlich.

    Die Dienste der Fa. Yavuz werde ich mit Sicherheit nie in Anspruch nehmen; trotzdem finde ich es begrüßenswert, daß es das jetzt gibt: Muslimische Bestattungsunternehmer. Ein liberales und weltläufiges Einwandererland wie das unsere sollte so etwas schon haben. Da bin ich anders als die militanten Atheisten. Wer sich im Grab wohler fühlt, wenn er nach rechtgläubigem Ritus hineingetan wurde, der soll das Recht dazu haben. Schadet ja nicht groß. Meine Kinder habe ich auch selbst herausfinden lassen, daß es den Weihnachtsmann nicht gibt. Und nahe liegende, aber wohlfeile Scherze darüber, daß die Enttäuschung heftig sein wird, wenn denn doch keine 72 Jungfrauen warten, spare ich mir auch.  Ich begnüge mich mit der Freude über das gewonnene Lebensjahr!

Seite 1 von 1