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  • 5.0 Sterne
    17.8.2009
    Erster Beitrag

    WELTRAUMABENTEUER IM GHETTO

    Man verliert die Tatsache manchmal aus den Augen: Auch wer nie aus dem Haus geht, ist ständig unterwegs. Wieso? So wie auch Ion Tichy in seiner schlunzigen, umgebauten Single-Wohnküche durchs All rast? Im Prinzip ja. Die Erde, um daran mal zu erinnern, ist ja insgesamt eine Art Raumschiff und donnert, ohne je zu parken, mit uns als unfreiwilliger Besatzung beschwingt durchs Universum, ja dreht sich dabei ja auch noch um sich selbst wie ein Kirmesfahrgeschäft! Schwindelerregend, eigentlich. Huiii! Aber wir kriegen ja nichts mit, meistens.

    Auf der informellen Hausgemeinschaftsbesprechung, die allabendlich zwischen sieben und neun Uhr auf dem Bürgersteig vorm Haus stattfindet, nahm man meine Behauptung mit distanzierter Skepsis zur Kenntnis. Nur Herr Ezme hatte vom Raumschiff Erde schon im Fernsehen gehört. Anneliese, der 70er-Jahre-Spätlese-Teenager von links nebenan, fragte, wieso sie den Fahrtwind denn nicht spüre oder unterwegs auf der kosmischen Reise ihren entkoffeeinierten Coffee-to-go verschütte; Herr Walther Kampmann, Rentier von rechts nebenan, der gern peinlichst gebügelte Hemden trägt, auf deren kugelschreibertragenden Brusttasche der Schriftzug Herr Walther Kampmann prangt, und der ein bißchen schräg drauf ist, schnarrte mich herrisch an: Sind Sie Lehrer, wenn ich fragen darf? Ich bejahte dies zögernd mit Etwas in der Art, ja. und ging mir vorsichtshalber ein Bier holen. Als ich zurückkam, schoß Herr Walther Kampmann die nächste Frage ab: Haben Sie Abitur? Ich riskierte auch dies noch positiv zu beantworten (die Leute hier müssen nicht ALLES über mich wissen). Es ging Herrn Kampmann aber gar nicht darum, die akademische Legitimität meiner astronomischen Thesen zu prüfen; er war auf der Suche nach einem Beistand für seine juristische Korrespondenz; sein Hobby ist es nämlich, dubiose Prozesse anzustrengen, und der Bossi verlangt ja 360 Euro die Stunde! Eh ich noch einwerfen konnte, bei mir werde das Abfassen eines Briefs ans Gericht mit Sicherheit nicht so teuer, zähle evtl. sogar unter kostenfreie Nachbarschaftshilfe, blaffte Herr Kampmann: Natürlich solln Se das nicht umsonst machen!  Ha! Werd ich mir ein Büroschild austifteln: Magister Kraska, Abi 1972, illegale Rechtsberatung zu frei verhandelbaren Gebührensätzen.

    Während ich mich dieser belanglosen Abschweifung hingab, ist die Erde bereits wieder etliche tausend Meilen durch kosmische Gelände getaumelt und hat schon das Ziel erreicht, daß sie jedes Jahr in der zweiten Augustwoche anstrebt. Da besucht sie nämlich die Perseiden, die der Volksmund, wegen eines Heiligen Märtyrers, der am 10. August Namenstag hat, auch Laurentiustränen nennt. Die Perseiden sind ein Meteoritenschwarm aus Gesteins- und Eisbröckchen und Staubkörnern, die der Komet mit dem hübschen Namen 109P/Swift-Tuttle hinter sich herzieht, dessen Bahn die Erde alljährlich kreuzt. Perseiden werden die Teile genannt, weil ihr scheinbarer (optischer) Ursprung im Sternbild Perseus liegt. Sie sorgen um den 12. August herum für ein wahres Feuerwerk an Sternschnuppen (bis zu 110 in der Stunde!), und man kann sich so viel wünschen, wie man will. Was als pfeilschneller Lichtpunkt über den Nachthimmel zischt, ist übrigens, wie so vieles auch bei uns, heiße Luft: Die Meteoritenstaubkörner knallen in die Atmosphäre und bringen dort die Luftmoleküle zum Glühen.

    Vorgestern, der Abend war noch lau und mild, saßen wir gegen zehn Uhr abends am Rheinufer, was man im neuen Hochfelder Rheinpark nach 150 Jahren erstmals wieder kann, als ungewöhnlich tief und nah ein beträchtlicher Feuerball seinen Weg übers schwarzblaue Firmament nahm, fast unwirklich langsam und majestätisch, um dann etwa in Höhe Rheinkilometer 740 lautlos in einen Funken- bzw. Sternschnuppenregen zu zerplatzen. Etwas seltsam Feierliches und Erhabenes ging von dieser Erscheinung aus. Selbst die unentwegt labernden und blödelnden Türkenjungmänner wurden wieder Kind, hüpften aufgeregt am Ufer entlang und und forderten sich gegenseitig auf, ganz rasch einen Wunsch zu tun.

    Nicht nur Stanislw Lems Wohnküchen-Pilot Ion Tichy und ich, nein, wir alle befinden uns auf der Umlaufbahn und erleben Weltraumabenteuer. Man muß nur im rechten Moment hingucken.

    PS: Die Perseiden befinden sich natürlich nicht in Duisburg-Hochfeld, aber Qype hat das Weltall noch nicht erobert, nicht mal per Anhalter. Die gebräuchlichen Koordinaten für den Radianten (scheinbaren Ursprung) der Perseiiden liegen für den 20. August bei RA (Rektaszension) 3h48m, DE (Deklination) +59°

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