Qype Logo Bei Yelp registrieren

Qype hat sich Yelp angeschlossen um dir noch mehr Beiträge, Community und Geschäfte zu bieten. Weitere Infos.

  • 4.0 Sterne
    2.6.2012
    Erster Beitrag

    Die meisten Besucher Quedlinburgs begnügen sich ob des schier unerschöpflichen Reichtums an historischen Bauwerken mit einer umfangreichen Tour durch Altstadt und auf den Schlossberg. Dabei wird meist die einst sumpfige Neustadt vernachlässigt, die mittlerweile auch fast 1000 Jahre alt ist. Hier in der Ackerbürgersiedlung findet man viele Bauwerke, die weniger gut renoviert sind, dafür aber den morbiden Charme ausstrahlen, den gebleichte Holzbalken gleich geschliffenem Treibholz nun einmal an sich tragen; hier fehlt das Geleckte, das in der Altstadt mittlerweile einige Alteingesessene bedenklich stimmen dürfte, hier regiert der Staub der Jahrhunderte und das Pflaster ist noch schön bucklig.
    Hier findet man inmitten eines von sehr schönen Häusern umgebenen Kirchhofes die Kirche St. Nikolai. Schwer zu finden ist sie nicht, denn ihre Türme sind immerhin 72 Meter hoch, der Glockenturm kann auch bestiegen werden  allerdings ist das Panorama, das eigentlich jeder Besucher von Schlossberg kennt, dort an der Burg deutlich schöner.

    Erstmals urkundlich erwähnt wurde St. Nikolai im Jahre 1222. Der Legende nach stiftete ein Schäfer einen gefundenen Schatz für die Erbauung, was auch zu der Bezeichnung Schäferkirche führte. Ursprünglich schmückten daher zwei Figuren namens Schäfer und Hund zwei Ecken des Turmes, sie sind nun aber im Kircheninneren aufgestellt, da sie aus statischen Problemen herabgenommenw erden mussten. Baubeginn war um 1200.

    Ursprünglich stand hier tatsächlich auch eine dreischiffige Basilika im romanischen Stil. Das heute hier befindliche Bauwerk ist teils frühgotisch (Westbau), ansonsten spätgotisch geprägt. Die Anbauten kamen im 13. bis 15. Jahrhundert hinzu. Die so entstandene Hallenkirche besticht vor allem durch ihre hohen Pfeiler, die sehr schlicht erscheinen und die Raumwirkung der hohen Bögen im Gewölbe verstärken. Die Inneinrichtung enthält barocke Elemente, um 1712 erfolgte die Aufstellung des barocken Hochaltars, um 1717 der Einbau der Chor- und Orgelempore und um 1731 die Bereitstellung der Kanzel.
    Desweiteren im Innenraum zu sehen: eine Pieta um 1500, ein spätromanischer Taufstein (Ende 12. Jahrhundert, ein romanisches Altarkreuz, ein Taufengel von 1693 sowie die älteste Glocke Quedlinburgs von 1333.
    Andes als in anderen Kirchen der Stadt ist es hier eher ruhig und meditativ  ich persönlich liebe solche Orte, an denen nicht alle 8 Meter ein rechthaberischer Mann (mit Baedeker, 6 Semester Soziologie und BWL, ein Jahr London und Poona, danach Taxifahrer und Berufschullehrer) mit seiner schrill parlierenden Gattin (mit Dumont, 7 Semester Kunstgeschichte, hatte drei Jahre eine Boutique in Wanne-Eickel, danach Aufsichtsratmitglied) darüber diskutiert ob Tilman Riemenschneiders Altaraufteilung eine Vorwegnahme der hintergründlichen Horizontalverschiebung bei Yves Tanguy war und somit Zitat oder Plagiat die zentrale Frage sein muss. Streit endet übrigens Unentschieden nach Verlängerung, jeder bekommt vom anderen unterwegs mindestens drei gelb-rote Karten pro Stunde. Nach vier Himbeerkuchen am Markt ist der Streit vergessen (falls das Café nicht historische Dachbalken im Gastraum hat, über die man streiten kann), dann kommt die nächste Kirche.
    Zum Verharren zu empfehlen ist aber auch der nette kleine Weltladen unterhalb der Türme, der ein sehrt buntes Angebot hat und ein kleines Café betreibt, in dem man sehr kostengüstig einen sehr guten Kaffee zu sich nehmen kann. Und dann kauft man im Februar einen bunten Osterkorb aus Afghanistan oder so. Mit buddhistischen Symbolen drauf. Bringt Glück. Und Frieden. Vielleicht. Hoffentlich.

Seite 1 von 1